Widersprüchlich denken und handeln

Widersprüchlich denken und handeln

Kognitive Dissonanz

Wo liegt die Gemeinsamkeit:  Wir gehen zu „Black Lives Matter„ Demos  und kaufen weiterhin Ware, hergestellt unter unwürdigen Zuständen von nicht- weißen Menschen, oder wir wollen beispielsweise nicht, dass eine fremde Person alles über uns weiß, und lassen dies bei unserem Smartphone dennoch zu?

Wir Menschen sind von der ,, kognitiven Dissonanz´´ geprägt. Ein psychologischer Begriff, der sich Tag täglich durch zig Beispiele verdeutlichen lässt.

Wir wünschen keinem Menschen ein Leben ohne Dach über dem Kopf und laufen dennoch ignorant an Obdachlosen vorbei. Synonyme wären auch Doppelmoral oder Selbstbetrug. Unsere Denkmuster beziehungsweise unsere Gedanken widersprechen sich häufig. Dies ist vielen Menschen nicht einmal bewusst.

Kohärent reden

Es ist ihnen nicht bewusst, weil sie sich ihr gegensätzliches Verhalten kohärent reden. Wir sagen also zum Beispiel, es ist in Ordnung sich Ware aus dem Billiglohnland zu holen, weil die Menschen sonst ihren Job los wären und nichts hätten. Selbst wenn dies der Fall sein sollte, sind die Zustände in den Nähfabriken schlecht und es wird nichts gegen den Ist- Zustand getan.

Das heißt die Menschen haben zwar einen Job, aber würdige Arbeitsbedingungen lassen zu wünschen übrig, und dagegen wird auch nichts mit einem Einkauf getan. Ganz kohärent können wir uns die Gegebenheiten also nicht reden, aber wir können sie einfach ignorieren und nicht weiter über bestimmte Widersprüche nachdenken. Das ist immer noch am einfachsten.

Identifikation führt zur Interaktion

Sachverhalte mit denen sich  Menschen  nicht identifizieren können, beschäftigen viele auch nicht lange. Warum sollte ich mich für ein Leben einsetzen, dass mich nicht tangiert? So denken natürlich nicht alle. Sehr viele Menschen finden die kognitive Dissonanz, sofern sie sie erst einmal bemerkt haben, erschreckend. Wir fühlen uns Unbehagen, sobald wir unsere innere Widersprüchlichkeit feststellen. Wer will schon konträr sein. Etwas sagen und das Gegenteil tun, ist heuchlerisch und unglaubwürdig.

Wir können nicht alles perfekt machen. Jahre oder Jahrzehnte lang denken wir so, wie wir es gewohnt sind und wir reflektieren nicht andauernd, über das was wir tun. Jeder Mensch kommt allerdings in die Phasen, in denen er sein eigenes Denken und Handeln in Frage stellt. Manchmal löst dieses kritische Denken über sich und die Gesellschaft, ein externes Ereignis aus und manchmal liegt es in uns, dass wir denken ,,das was ich tue, ist nicht richtig„. Oft sind wir so versteinert in unseren Gedanken, dass wir sie nicht nochmals hinterfragen.

Rassisten sehen wir als ,,böse Menschen„ an, ohne nur einmal zu überlegen, ob man nicht selbst vorurteilsbelastet ist oder unangemessene Bemerkungen macht. Sich selbst kritisch zu hinterfragen wurde beispielsweise durch den Tod von George Floyd ausgelöst. Müssen wir warten bis solche tragischen Ereignisse passieren? Ja, wir brauchen den Schock, um uns intensiver mit uns und den Geschehnissen um uns herum auseinanderzusetzen. Wir können uns jedoch bemühen immer wieder sich selbst und die Leute drum herum, doch zunächst sich selbst, in Frage zu stellen.

Wie nun gehen wir gegen die kognitive Dissonanz vor?

Wer das liest, hat bereits den ersten Schritt getan. Zunächst müssen wir erkennen, dass das Denken der Menschen von Widersprüchen geprägt ist. Im zweiten Schritt folgt die Übertragung der allgemeinen Erkenntnis auf uns selbst. Wir müssen uns selbst überlegen, wo ist mein Denken konträr? Wo handle ich anders als ich eigentlich denke beziehungsweise wo beißen sich zwei Gedanken? Esse ich Fleisch und könnte selbst kein Tier töten? Gehen wir unsere Werte, unsere Aussagen und unsere Taten durch und fragen uns dann kritisch, kann ich vertreten, dass ich für den Schutz der Umwelt bin und trotzdem fliege?

Wir stellen fest, einiges ist nicht vertretbar und im besten Fall handeln und denken wir dann anders. Ich bemerke also ich finde Massentierhaltung schrecklich, und ernähre mich anschließend vegan. Dies ist das Ideal. In andern Fällen finden wir mit Sicherheit Ausreden und werden unser Wohlbefinden vor dem Wohl der anderen stellen, doch auch das können wir bewusst wahrnehmen und feststellen: ,, Ich handle oder denke nicht so, wie ich es eigentlich gerne würde. Mein Wohl geht für mich gerade vor`´. Von heute auf morgen, findet keine Entwicklung statt. Wir brauchen Zeit und die Kraft uns ständig selbst zu hinterfragen. Nach einer Weile werden wir Erfolge sehen.

Selbstreflexion

Ich betrachte mich selbst, als sehr selbstkritisch. Ich bin nicht immer ganz einverstanden mit dem, was ich tue oder sage. So wünsche ich mir eine bessere Umwelt, habe dennoch ein Auslandsjahr gemacht. Meine persönliche Erfahrung war beziehungsweise ist mir in dem Moment sehr wichtig. Kein Mensch ist perfekt uns so erwarte ich von mir und von anderen nicht alles ,,richtig„* zu machen.

Vielmehr hoffe ich jedoch, dass wir unser Verhalten öfters reflektieren und auch versuchen zu ändern. Nicht jeder ,,kritische„ Bereich muss unmittelbar verändert werden. Wenn uns allerdings etwas stark an uns stört, dann erhoffe ich mir, dass wir auch bereit sind gegen die  ,,Störung„ vorzugehen, und nicht alles Leid zu  zulassen. Unser oftmals ,,gestörtes„ Selbstbild kann andere Menschen, Lebewesen oder die Umwelt, in Unzufriedenheit beziehungsweise Unglück stürzen.

Wenn wir behaupten wie wären tolerant, dann sollten wir dies nicht einfach annehmen, sondern beobachten, ob man tatsächlich in jeder Lebenslage und vor jeder Person tolerant ist. Vermutlich nicht. Die Erkenntnis der eigenen kognitiven Dissonanz ist ein guter Anfang gegen das Leid der Welt und die eigene Unzufriedenheit anzukämpfen. Mit Sicherheit ist es äußerst unbequem gegen unsere innere Widersprüchlichkeit vorzugehen, doch ein reines Gewissen ist immer noch besser als ein falsches.

 

 

**`´ Richtig machen„ ist sowieso subjektiv, doch es gibt Werte und Normen, die das Wohl aller Menschen und auch Tiere inkludieren. Das heißt Lebewesen und die Umwelt werden respekt-/ und würdevoll behandelt.

 

 



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Hanna
Hanna
18 Tage zuvor

Interessanter Artikel.
Kognitive Dissonanz ist ähnlich wie die kleinen Notlügen über den Tag verteilt. Ich will nicht, aber am Ende des Tages komme ich doch auf eine gewisse Anzahl.