Ist unsere Gesellschaft narzisstisch?

Ist unsere Gesellschaft narzisstisch?

Individualismus

Der Individualismus nimmt in unserer Zeit eine sehr große Rolle ein. Wir bekommen immer wieder zu hören, unsere Gesellschaft sei so narzisstisch. Der Duden definiert Narzissmus als: ,,übersteigerte Selbstliebe, Ichbezogenheit´´ 1. Die Ichbezogenheit trifft wohl bei den meisten zu.  Wenn wir mal ehrlich sind, denken wir öfters an uns, an unseren Vorteil, als an den der anderen. Selfies zum Beispiel zeigen doch wie sehr man auf sich selbst bezogen ist. Anstatt die Natur oder andere Menschen zu posten, zeigt man sich lieber selbst.

Und selbst wenn wir anderen etwas Gutes tun oder uns engagieren, müssen wir uns überlegen ,,tun wir das für die anderen oder um uns besser und sinnvoll zu fühlen?„. Hinter vielen Taten und Worten, wenn auch unbewusst, stecken egoistische Gedanken. Wir geben nicht nur, sondern erwarten auch ein Nehmen. Viele Menschen mussten schon mal die Erfahrung machen, dass sie von anderen  Menschen verletzt und belogen wurden. Es ist also nicht Wunderns wert, dass so viele Menschen sich selbst am nächsten sind und sich am meisten vertrauen.

Bedingungen lassen Individualismus zu

Da die Menschen heute selbstständiger werden, sei es das frühe Ausziehen bei den Eltern oder die finanzielle Unabhängigkeit, können wir es uns also erlauben eher an uns selbst zu denken, als an die anderen.

Die Lebensbedingungen haben sich für viele im Gegensatz zu früher, beispielsweise dem 20. Jahrhundert, verbessert. Existenzielle Probleme sind in der westlicheren Welt eher selten geworden und so bleibt mehr Zeit sich mit sich selbst zu beschäftigen. Die Familie ist nicht mehr unsere einzige Stütze im Leben. Eine Mutter, die sich beispielsweise früher um das Überleben ihrer Kinder sorgen musste, hat heute mehr Zeit sich, um sich selbst zu kümmern.

Das sehen wir schon alleine an der Tatsache, dass mehr und mehr Zeit in die Schönheitspflege investiert wird. Dass es uns selbst gut geht, wir gut aussehen und wir selbst glücklich sind, gewinnt viel mehr an Bedeutung. Würde man ein Tortendiagramm unserer Gedanken aufstellen, dann wäre bei sehr vielen wahrscheinlich zu sehen, dass sich der Großteil der Gedanken, um das eigene Leben dreht. Wir sind heute also eher in der Lage unsere Bedürfnisse zu erfüllen, und zu versuchen glücklich zu sein. Die, die eben nicht die Zeit und Bedingungen haben, sich auf sich selbst konzentrieren, müssen  in den sauren Apfel beißen. Dass es anderen, auf Grund unseres Verhaltens, schlecht geht, vergessen wir nur schnell.

Sind wir narzisstisch obwohl wir so viel an uns bemängeln?

Wenn Narzissmus auch übertriebene Selbstliebe bedeutet, kann man diese Krankheit unserer Gesellschaft dann überhaupt vorwerfen?

Die meisten Menschen sind sehr selbstkritisch und ihnen fällt es leichter, etwas Negatives über sich zu sagen als etwas Positives 2. Übertriebene Selbstliebe müsste doch auch die völlige Zufriedenheit mit sich inkludieren, oder? Es stellt sich die Frage, was übertrieben Selbstliebe ist. Ist es das Verlangen nach Selbstverwirklichung und die Tatsache, dass wir ständig an uns und unser Wohlergehen denken? Oder bedeutet übertriebene Selbstliebe ein Mensch zu sein, der verrückt nach sich selbst ist und total überheblich in sich verknallt?

Unsere Gesellschaft als Narzissten zu bezeichnen, halte ich für überzogen, denn Narzissmus ist eine psychische Erkrankung  2 die rücksichtloses Verhalten und Überspanntheit beinhaltet. Ja, wir sind sehr selbst fokussiert, nichtsdestotrotz kann die Mehrheit einen Freundeskreis halten und auch anderen helfen. Bei der Hilfe und Unterstützung anderer kann es letztendlich gleichgültig sein, welche implizite Intention hinter der Tat steckt. Hauptsache wir sind auch für andere Menschen oder Lebewesen da.

Von Egoisten lernen

Den Individualismus von anderen spüren zu bekommen, ist recht unangenehm. Beim Gespräch erzählt die Person nur über sich und zeigt wenig Interesse an dir. Dieses nervige Verhalten anderer, kann man aber auch nutzen, indem man sich fragt, ob man genauso agiert und wie das wohl auf unsere Mitmenschen wirkt. Stark ausgeprägte Individualisten können ein guter Wegweiser sein, wie man sich selbst verhalten oder auf gar keinen Fall verhalten möchte.

Schädlilche Folgen des Individualismus

Ich finde es  irgendwo peinlich und traurig, dass unsere Gesellschaft als derart egoistisch und selbstbezogen bezeichnet wird. Das wir auf uns Acht geben und uns unsere eigenen Bedürfnisse nicht egal sind, ist gut. Sehr gut sogar, denn wenn wir uns um selbst kümmern, sind wir stabiler und umsorgter.

Zu extreme Selbstachtung ist hingegen schädlich, weil wir nicht über den Tellerrand hinaus schauen und nicht die Gefühle und Bedürfnisse anderer wahrnehmen und unser Umfeld sich daher von uns entfernen kann. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns natürlich selbst für unser Wohlbefinden benötigen, aber eben auch andere, da wir soziale Wesen sind. In der Regel, tut uns die Gesellschaft andere gut und wir fühlen uns gemeinsam stark.

Sich hauptsächlich nur mit sich selbst auseinanderzusetzen, macht im Endeffekt auch nicht glücklich, da wir neben den positiven, aber auch den negativen Merkmalen an uns, mehr Aufmerksamkeit schenken. Wir sehen heute schon zu welchen Folgen starker Indiviualismus führen kann, so sterben  beispielsweise Kinder an Hungersnot während andere sich die Bäuche vollstopfen ohne nach links und rechts zu schauen.

Scheinbar individualistisch- warum wir uns nicht wirklich mit uns auseinadersetzen

Vor allem aber sehe ich, dass wir heute zwar viel an uns selbst denken, aber richtig tiefgründig setzen wir uns nicht mit uns selbst auseinander.

Wir beschäftigen uns viel mit unserem Aussehen, unsrem kurzzeitigen Glücksempfinden, unsrem Essverhalten oder eigenen Vorteilen, aber all dies ist nur oberflächlich. Das wir langfristig glücklich und zufrieden sind, vernachlässigen wir. Die Unzufriedenheit im Beruf, in der Beziehung oder in der eigenen Stadt wird ignoriert, weil große Veränderungen mit Anstrengungen verbunden sind, uns so bleiben wir lieber im gewohnten Terrain, weil es uns auf kurze Sicht, also für den Moment, glücklicher stimmt.

Wer nimmt sich denn wirklich die Zeit mal in sich zu horchen und herauszufinden, ,,was will ich wirklich? „.Die wenigsten. Stattdessen leben wir das Leben jedes anderen, einfach so, weil es jeder so macht und dazu gehört. Wir lassen uns treiben vom Fluss der anderen und geben nicht Acht auf das, was tief in uns liegt und schreit. Unser eigenes Glückspotential wird vernachlässigt, uns so sind wir ichbezogen, aber eigentlich nur zum Schein; und dennoch ist das ich von umfassender Bedeutung.

Mut zur Änderung

Der vorgeworfene ,,Narzissmus´´ ist kein Schicksal, sondern kann verändert werden. Alleine die Beobachtung und Bewusstmachung unserer Gedanken, kann uns darin stoppen ständig an uns selbst zu denken.

Ehrenamt, kleine Gesten für andere und den Blick auf Rahmen des Spiegels zu richten, bewahren uns davor ein selbstsüchtiges Monstrum zu sein. Vielmehr können wir dankbar sein und uns freuen, dass wir uns weniger Sorgen im Gegensatz zu früher um die eigenen Kinder, Eltern, Geschwister machen müssen.

Ein bisschen mehr Wir und dann geht es,naiv ausgedrückt, anderen Menschen auf der Welt auch besser. Vor allem zeigt der Individualismus doch, wie gut es uns geht. Wir müssen uns hier in Deutschland keine Sorgen, um den Hungertod unsere Familie oder Nachbarn machen.

Die Ichbezogenheit ist eine Form des Neuzeit Luxus.

Quellen:

1) https://www.duden.de/rechtschreibung/Narzissmus

2) https://www.presseportal.de/pm/52678/3699275

 



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Tommy Mueller
Tommy Mueller
28 Tage zuvor

Danke, für diesen sehr schönen Artikel, der sehr anregend ist!

Daniel Hsmm
Daniel Hsmm
1 Monat zuvor

Sehr schöner und wahrer Artikel. Ich befürchte mein Tortendiagramn kreist nur um mich selbst.